Makedonien

Anmerkungen zum makedonischen Selbstverständnis und zur Einschätzung des Staates durch Türkei und Griechenland

Ergebnisse des Seminars: Islam auf dem Balkan (SS 2002)

von Süreyya à‡iÇek, Dennis Dierks, Hermann Kandler

1. Einführung

Eine der Republiken, die aus dem Zusammenbruch der jugoslawischen Konföderation hervorging, war Makedonien bzw. Mazedonien. Bei der kleinen, nur etwas mehr als zwei Millionen Einwohner zählenden ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien (Former Yougoslavian Republic of Macedonia = FYROM) handelt es sich um einen multiethnischen Staat. Auch wenn die Konflikte in Folge der Loslösung aus dem Verbund längst nicht so gewaltsam waren wie in Kroatien oder besonders in Bosnien-Herzegowina (im Folgenden BiH), so war auch die südlichste Teilrepublik von den Ereignissen im Zuge der jüngsten Balkankriege betroffen. Im Gegensatz zu BiH stand es jedoch lange Zeit nicht so sehr im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Zwar waren und sind die innerethnischen Konflikte im Lande ebenso ernst, aber die von außen auf das Land einwirkenden Kräfte, besonders Rest-Jugoslawien, brachten über Makedonien weit weniger Not als BiH. Dennoch erfährt das Land bis heute unterschiedliche Akzeptanz durch seine Nachbarn und ist mitunter Spielball außenpolitischer Prozesse. Hier sei vor allem die gegensätzliche Haltung von Griechenland und der Türkei genannt. Im Folgenden soll deshalb

a) die heutige interne Situation des Landes vor allem im Hinblick auf die ethnischen Spannungen zwischen (vorwiegend) muslimischen Albanern und den slavisch sprechenden (vorwiegend) christlich-orthodoxen Makedonen und

b) die Anerkennung des Landes durch äußere Kräfte, hier Türkei und Griechenland kurz aufgezeigt werden.

Skoplje

Abbildung 1: Skopje

12 Jahre nach der Proklamierung des makedonischen Staates hat das Land vor allem mit wirtschaftlichen Problemen, aber auch den ethnische Gegensätzen innerhalb des Landes zu kämpfen, die oftmals mit Problemen verknüpft sind, die ihre Wurzeln jenseits der eigenen Grenzen haben.

Seine innerethnische Situation, das Seite an Seite christlich-orthodoxer slavophoner Gruppen, die aus ihrem Selbstverständnis heraus, die Rolle des Nominalvolkes für sich beanspruchen und muslimischer Mazedonier und vor allem Albaner, die sich dadurch in einen Status minderer Berechtigung versetzt fühlten, was sich letztendlich in den kriegerischen Ereignissen von ausdrückt, deren Folgen bis heute noch spürbar sind, rief natürlich die Türkei als Fürsprecher auf den Plan, die damit wie in anderen Gebieten des Balkans ihrer Rolle als Nachfolger des osmanischen Reiches und als Wahrer der islamischen Religion auf dem Balkan gerecht werden will.

2. Einige Überlegungen zur „Albanischen Frage” in Mazedonien (D. Dierks)

Betrachtet man den im Februar 2001 blutig eskalierten Konflikt zwischen der slavo-mazedonischen Bevölkerungsmehrheit und der überwiegend albanischen Minderheit, so stellt sich die Frage, inwieweit dieser ethnische Konflikt auch religiöse Motive hat. Schließlich handelt es sich bei den Mazedoniern weit überwiegend um orthodoxe Christen, während sich die in Mazedonien lebenden Albaner fast sämtlich zum Islam bekennen. Nimmt man einen religiösen Hintergrund des mazedonisch-albanischen Konfliktes an, so scheint es sich um einen Bruchlinienkonflikt im Sinne des Huntingtonschen „clash of civilizations” zu handeln. Huntingtons Definition zufolge sind Bruchlinienkonflikte „Konflikte zwischen Gemeinschaften, die Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen angehören. Bruchlinienkonflikte sind Konflikte, die gewaltsam geworden sind. Solche Kriege können zwischen Staaten, zwischen nichtstaatlichen Gruppierungen und nichtstaatlichen Gruppierungen ausbrechen.”[1] Dieser Definition zufolge scheint es sich auch bei den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen des Jahres 2001 um einen eskalierten Bruchlinienkonflikt, einen Konflikt an der Grenze des westlichen zum islamischen Kulturkreis zu handeln. Die folgenden Überlegungen sollen einen kleinen Beitrag zur Überprüfung des Huntingtonschen Paradigmas in einem konkreten Konfliktfall, der „Albanischen Frage” in Mazedonien, leisten.

2.1 Nation building in Südosteuropa: Von Demografie, Flaggen, Verfassungsfragen und Nationalhistorie

Wie eingangs erwähnt, wird Mazedonien als multiethnischer Staat angesehen. Allerdings ist schon der genaue Bevölkerungsanteil der Mazedonier und Albaner zwischen diesen beiden größten Bevölkerungsgruppen umstritten. Die letzte jugoslawische Volkszählung, die von den Albanern im gesamten damaligen Jugoslawien boykottiert wurde, ergab einen Anteil von 64,6 % Mazedoniern, 21,0 % Albanern, 4,8 % Türken, 2,7 % Roma, 2,2 % Serben, 1,7 % ethnisch nicht näher spezifizierten Muslimen und 0, 4 % Wlachen. Dem gegenüber wird von albanischen Kreisen angegeben, der albanische Bevölkerungsanteil betrage 35 bis 48 %. Der Versuch einer erneuten Volkszählung 1994 konnte wegen Unregelmäßigkeiten kein gesichertes Datenmaterial liefern. Neben diesem Streit um Zahlen sind für die christlich-slavische Bevölkerungsmehrheit aber auch die Prognosen bezüglich der Bevölkerungsentwicklung beunruhigend: Aufgrund der höheren Natalität der Albaner und Türken Mazedoniens gegenüber den ethnischen Makedoniern könnte es bei einer Fortsetzung dieses Trends dazu kommen, dass im Jahre 2075 die Bevölkerungszahl der Albaner und Türken über der der Makedonier liegen und im Jahre 2091 die albanische Bevölkerungsgruppe größer als die mazedonische sein wird. Durch Zuwanderung könnte diese Entwicklung noch beschleunigt werden.[2] Die Städte mit der höchsten türkischen Bevökerungsdichte sind Skopje, Gostivar, Ohri und Resne. Solche Aussichten schüren seitens der slavo-mazedonischen Mehrheit Ängste, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie sich im eklatanten Widerspruch zum nationalen Selbstverständnis der ethnischen Mazedonier stehen, wie es sich in der 1991 in Kraft getretenen Verfassung manifestierte. Dort hieß es in der Präambel: „Mazedonien wurde als Nationalstaat des mazedonischen Volkes gegründet [...]” und weiter in Art. 7 I: „Die Mazedonische Sprache, geschrieben in ihrem kyrillischen Alfabet, ist die Amtssprache in der Republik Mazedonien”.

Zwar kam es im November 2001 aufgrund des Drucks der internationalen Staatengemeinschaft zu mehreren Änderungen der Verfassung, die ethnischen Minderheiten werden nun als „Völker” bezeichnet und Albanisch als zweite Amtssprache Mazedoniens anerkannt, doch besteht außerhalb der Ebene der Verfassungsgesetzgebung das „slavozentrische” Mazedonienbild der ethnischen Mazedonier fort. Ein beredtes Beispiel hierfür gibt die nationale Geschichtsschreibung Mazedoniens. Obwohl es sich bei der Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien um eine noch junge Staatsgründung handelt, betont die mazedonische Historiografie das Alter und vor allen Dingen die Kontinuität der slavisch-mazed
onischen Kultur, deren folgerichtiges Ergebnis die Gründung eines mazedonischen (National-)Staates sei. Exemplarisch sei hier aus dem Vorwort Georgi Stadelovs zu Blaže Ristovskis 1999 „Macedonia and the Macedonian People” zitiert: Er erklärt hier, daß „die Quintessenz der Geschichte des Mazedonischen Volkes seine Kultur und geistige Kontinuität” sei und spricht von der „unerschütterlichen Kontinuität der mazedonischen Idee”.[3] Eine solche Konstruktion einer nationalen Geschichte setzt dann bei Alexander dem Großen an, führt von der slavischen Besiedlung hin zur Christianisierung, den Slavenaposteln Kyrill und Method und der mazedonisch-byzantinisch-christliche Kulturblüte im Mittelalter und schließlich zur nationalen „Wiedergeburt” im 19. Jahrhundert, dem Befreiungskampf der IMRO (Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation), der Konstituierung der jugoslawischen Teilrepublik, der Autokephalie der Mazedonisch-Orthodoxen Kirche 1967 und endlich zur Unabhängigkeit 1991. Inwieweit hier antikes Erbe reaktiviert wird, zeigt auch die mazedonische Flagge (s. Auch Kap. 3), die auf ein Motiv des antiken Makedoniens zurückgreift.

Die Albaner fühlen sich von einer solchen Konstruktion der nationalen Identität in zweifacher Weise ausgeschlossen: Zum einen als Nichtslaven und zum anderen als Muslime. Infolgedessen lehnen sie auch die mazedonische Staatsflagge ab und sehen die albanische Flagge als die ihrige an. In diesem Zusammenhang ist auch die Gründung einer eigenen, vom mazedonischen Staat nicht anerkannten albanischen Universität in Tetovo im Jahre 1995 zu sehen.

Diese Beobachtungen scheinen die Huntingtonsche These vom Bruchlinienkonflikt zu stützen, insbesondere auch wenn man die politische Orientierung der muslimischen ethnischen Mazedonier, der TorbeÅ¡i, betrachtet. Diese solidarisieren sich nämlich überwiegend mit den muslimischen Albanern, obwohl ihnen sprachlich und ethnisch die christlichen Mazedonier näherstehen. Ebenso verhalten sich andere ethnische Minderheiten islamischen Bekenntnisses, so die Türken und Roma.[4]

Wenn auch, ganz in osmanischer Tradition, die religiöse Zugehörigkeit schwerer wiegen mag als die ethnische, so stellt sich hier dennoch die Frage, ob es sich bei der „Albanischen Frage” tatsächlich primär um einen religiösen und kulturellen Konflikt handelt. Das Huntingtonsche Paradigma geht davon aus, „daß Religion [...] der wahrscheinlich tiefgreifendste Unterschied [ist], den es zwischen Menschen geben kann. Häufigkeit, Heftigkeit und Gewalttätigkeit von Bruchlinienkriegen werden durch den Glauben an verschiedene Gottheiten stark gesteigert.”[5] Ganz abgesehen von der Frage, ob und inwieweit unterschiedliche religiöse Konzepte per se latente Auslöser interethnischer Konflikte seien können, scheint zweifelhaft, dass dies die tiefere Ursache des Mazedonienkonfliktes ist. Es scheint sich hier doch eher um einen Kampf um konkreten politischen Einfluss und symbolische Anerkennung zu handeln. Wenn sich eine im staatlichen Leben so zentrale Institution wie die Polizei fast ausschließlich unter slavo-mazedonischer Kontrolle befindet und die ethnischen Mazedonier die Idee eines slavischen und christlichen Mazedoniens als die Grundlage ihrer nationalen Identität ansehen, so erscheint es verständlich, dass die in Mazedonien lebenden Albaner dazu tendieren, die von ihnen so empfundene Ungleichbehandlung auch auf ihre religiöse Andersartigkeit zurückzuführen, ebenso wie die orthodoxen Makedonier den Rückgriff auf den Islam zur Mobilisierung anderer muslimischer Minderheiten in Makedonien für albanische Ziele als Ausdruck eines unversöhnlichen Islam anzusehen geneigt sind, der den Verlust der Suprematie mit dem Ende der osmanischen Herrschaft nicht überwunden hat. Doch scheint Religion hier ähnlich wie der Nationalismus als Integrationsideologie in einem politischen Konflikt zu fungieren, die den Konfliktparteien und deren Führern als ein Instrument zur Mobilisierung breiter Schichten der Bevölkerung zur Durchsetzung ihrer machtpolitischen Ziele dient.

3. Mazedonien aus griechischer Sicht (H. Kandler)

Geht man davon aus, dass nicht allein Motive der religiösen und ethnischen Überzeugung per se Gründe für Konflikte um einen Staat sind, so ist mit Sicherheit die geografische Lage Makedoniens mit Auslöser für diese Konflikte. Das heutige Makedonien wird als Binnenstaat begrenzt von Jugoslawien (N), Bulgarien (O), Griechenland (S) und -Albanien (W). Seine Lage an der alten Verbindungsstraße durch die Morava-Vardar-Senke, südlich des in früheren Zeiten strategisch wichtigen moesischen Knotens, ist bis heute von besonderem Interesse vor allem für den Transitverkehr in Südosteuropa. Besonders Griechenland ist an der Durchgängigkeit Makedoniens auf dem Landweg nach Mitteleuropa interessiert. Andererseits bedeuten insbesondere der Zugang nach Süden durch die Vardar-Senke und damit zum nächstgelegenen, „makedonischen” Hafen Thessaloniki, die wichtigste wirtschaftliche Ader für Makedonien. Diese Ausrichtung nach Süden weckte die Besorgnis bei großen Teilen der griechischen Bevölkerung. Nationalgriechische Stimmen waren davor, dass

a) Griechenland schon mehrmals im 20.Jahrhundert seine Nordgrenze verteidigen musste, was gerade in Zeiten der Instabilität möglich sein könnte,

b) Makedonien innerhalb kurzer Zeit bereit wäre, 700.000 Mann zu mobilisieren und

c) die schulische Ausbildung basierte - so griechische Diktion - auf einem revisionistischen Geschichtsbild, dass eine Einbeziehung makedonischer Gebiete auf griechischem Staatsgebiet einschließe.

Die Blickrichtung Mazedoniens nach Süden erzeugte bei vielen Griechen eine diffuse Angst. Indem man Skopje unterstellte, eine Einheit des makedonischen Raumes herstellen und damit einen Besitzanspruch auf nordgriechisches Territorium ableiten zu wollen, erwuchs in weiten Teilen der griechischen Bevölkerung die nicht zu begründende Angst, Makedonien könne in der Lage sein, das Gebiet Nordgriechenlands, d.h. die Provinz Makedonien, auch mit militärischen Mitteln beanspruchen zu wollen. Diese Angst kam 1994 politisch zum Tragen, als Griechenland ein Embargo auf Produkte aus FYROM, ausgenommen Lebensmittel, Medizin und humanitäre Hilfen, ankündigte. Dieses Embargo wurde mit

a) dem Gebrauch des griechischen Namens Makedonien,

b) dem Gebrauch eines griechischen Symbols, der Sonne von Vergina, makedonisch Kutleš, Zeichen der Dynastie Philipps von Makedonien

c) und bestimmten Artikeln in der makedonischen Verfassung, die aus griechischer Sicht deutlich irredentistische Haltungen zeigen,

begründet.

Der aus offizieller griechischer Sicht als Usurpation verstandene Gebrauch des Staatsnamens „Makedonien” wird vor allem in konservativ nationalen Quellen als unrechtmäßige Übernahme einer Bezeichnung angesehen, die ein historisch als einen wichtigen Ausgangspunkt für die weltweite Verbreitung der griechischen Kultur angesehen wird, nämlich dem Stammland Philipp. Des Makedonen und seines Sohnes des späteren Weltherrschers Alexander, dem Großen.

Die Staatsflagge Makedoniens stellt besonders in national-konservativen Kreisen Griechenlands einen Affront dar: Die Sonne Verginas, Emblem der Dynastie Philipp II., steht aus griechischem Berständnis für die erstmalige Einigung eines griechischen Staates mit gleicher Sprache, Kultur un
d Religion „gegen die Feinde aus Asien (sic!), was uübertragen auch heute noch im Verständnis vieler Griechen auf die Türkei angewandt wird. „Die Sonne Verginas wurde 1978 (!) ausgegraben; zuvor hat dieses Symbol niemals irgendwo auf der Welt als slavisches Motiv gedient, geschweige denn in FYROM selbst (Macedonian FAQ:o.J:S2).

In diesen Vorwürfen spiegelt sich letzten Endes keine Angst for einer realen Bedrohung, sondern eine Angst vor der Beschneidung des Selbstverständnisses vieler Griechen wieder, das in dem Bewusstsein lebt Nachkommen, der klasssichen Makedonen, Philipp, dem II und natürlich Alexander, dem Großen zu sein. Es galt lange Zeit offiziell sogar als Affront, dass die Republik Makedonien, die Sonne von Philipps Standartenzeichen als ihr Flaggenmotiv wählte. Während das Flaggensymbol mittleweile akzeptiert ist , wird der Name Makedonien im offiziellen griechischen Sprachgebrauch immer noch abgelehnt und von „Former Yougoslavian Republic of Macedonia”, kurz FYROM, gesprochen.

3.1 Makedonien - „Nordmakedonien”? Die Namensfrage ist noch nicht gelöst

1995 kam Mazedonien mit Griechenland überein, das originale Standartenzeichen der „Sonne von Vergina” durch eine stilisierte Sonne zu ersetzen:” Upon entry into force of this Interim Accord, the Party of the Second Part [Macedonia] shall cease to use in any way the symbol in all its forms displayed on its national flag prior to such entry into force. (article 7, § 2)… Sources close to the Macedonian Parliament presidency say that next Thursday or Friday, a procedure is to begin at Parliament to adopt a new flag. Along with the flag, the Parliament will discuss about the already forgotten law on a national coat-of-arms. As days are numbered, the 16-sun-rays flag that represented Macedonia since August 1992 will be replaced in a short procedure.” (Fruhlinger 17.9.1995)

Die Frage nach der Anerkennung des Namens „Makedonien” durch Griechenland ist bis heute nicht geklärt. Im Abkommen vom 13. September (Tag. d. Veröffentlichung) über die Prolongation der bilateralen Beziehungen beider Länder steht dem Beharren Makedoniens auf diesem alleingültigen Namen der Vorschlag Griechenlands „Nord-Makedonien” gegenüber. Für die Durchsetzung dieses Vorschlages soll dem ehemaligen makedonischen Staatspräsidenten Gligorov 1 Mio. Dollar von Seiten Griechenlands angeboten worden seins (Helsinki Greek Monitor 2002).

4. Die Sicht der Türkei (S. à‡iÇek)

Die Existenz der muslimischen Türken, so die Diktion türkischer Quellen Makedonya Sorunu ve Türkiye, ist für die Türkei Anlass, ihrer Rolle als Nachfolgestaat des osmanischen Reiches gerecht zu werden und sich für die Belange der Bevölkerungsgruppen einzusetzen. Damit kreuzen sich auch hier die Wege der beiden Kontrahenten Türkei und Griechenland. Eine negative Darstellung der slavischen Seite ist zu erwarten. So heißt es:

„Die Zahl der makedonischen Türken, die ... wegen der Gefahr für Leib und Leben aus der Hauptstadt Makedoniens Skopje kommend, über den Grenzübergang Kapikule (Edirne) in die Türkei eingereist sind, betrug über 3000.” Damit hatte die Einreise aus Makedonien zu diesem Zeitpunkt um das Siebenfache zugenommen. „Die in der Region von Tag zu Tag dahinschwindende Existenz der Muslim-Türken hat mit den letzten Konflikten einen großen Hieb versetzt bekommen.”

Natürlich sieht die Türkei ihr Engagement vor einem historischen Hintergrund für berechtigt an. „Im Laufe der Geschichte lebten und herrschten lange Jahre viele Zivilisationen mit einer gemeinsamen türkischen Wurzel, die Hunnen, die Awaren, die Kumanen, die Petscheneken und die osmanischen Türken, im Gebiet Makedoniens. Nach dem Jahre 1300 wurden viele türkische Umsiedler aus Anatolien in Makedonien angesiedelt. Im letzten Jahrhundert wurde jedoch in der Region eine systematische Assimilationspolitik gegen die Türken betrieben. Schließlich ist die Bevölkerungszahl, die im Jahre 1953 noch 203.000 betrug, heute auf 77.000 zurückgegangen.”

Man hebt jedoch in türkischen Quellen hervor, dass „trotz all diesen negativen Bedingungen die in Makedonien lebende muslimisch-türkische Bevölkerung ihre Erziehung und Bildung auf Türkisch verwirklicht. In den von Türken genutzten Ausbildungsstätten führen 264 türkische Lehrer ihre Lehrtätigkeit aus... Die Muslim-Türken der Region besitzen eine Zeitung, eine Zeitschrift und einen lokalen Fernsehsender.”

Heftig kritisiert wird von türkischer Seite, dass nach türkischer Auffassung die makedonische Verfassung die Rechte der Muslime, die zu Zeiten der Jugoslawischen Förderation zusammen mit den Makedonen als Mitbegründer der Föderation anerkannt wurden, stark eingrenzt. Hier versucht die auf der politischen Ebene arbeitende „Türkische Demokratische Vereinigung”, die Rechte der Muslim-Türken des makedonischen Gebiets zu schützen.

Es fällt auf, dass im Gegensatz zu anderen Regionen im Balkan, insbesondere in Thrakien Ende des 20. Jahrhunderts, eine direkte Intervention der Türkei (durch Besuche politischer Vertreter, Errichtung von Generalkonsulaten oder gezielten Hilfsaktionen) kaum zu verspüren ist.

Aktuelle Literatur:

  • Nicolet, Claude: Makedonien am Scheideweg zwischen Einheit und Spaltung. Südosteuropa-Mitteilungen, 5-6/2002, S.48-63
  • Jossifidis, Alexander: Politische Beziehungen Athen-Skopje, Südosteuropa-Mitteilungen, 5-6/2002, S.64-75

[1] Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Wien 61997. S. 411.

[2] Peter Jordan: Ethnische Gruppen in Makedonien. In: Makedonien. Geographie - Ethnische Struktur -Geschichte - Sprache und Kultur - Politik - Wirtschaft - Recht. Hrsg. v. Walter Lukan und Peter Jordan. Wien u.a. 1998 (Osthefte, Sonderband 14). S. 65-114. Natasha Gaber: The Muslim Population of FYROM (Macedonia): Public Perceptions. In: Muslim Identity and The Balkan State. Hrsg v. Hugh Poulton und Suha Taji-Farouki. London 1997. S. 103-114.

[3] Blaže Ristovski: Macedonia and the Macedonian People. Wien / Skopje 1999. S. IX u. XI.

[4] Ekkehard Kraft: Religionsgemeinschaften in Makedonien. In: Makedonien. Geographie - Ethnische Struktur -Geschichte - Sprache und Kultur - Politik - Wirtschaft - Recht Hrsg. v. Walter Lukan und Peter Jordan. Wien u.a. 1998 (Osthefte, Sonderband 14). S. 339 - 376.

[5] Huntington, op. cit. S. 414.